Warum Mary Elise Sarottes Buch meine Kritik am Westen bestätigt – und warum wir Russland gegenüber nicht immer ehrlich waren

Ich lese seit einigen Tagen das Buch Nicht einen Schritt weiter nach Osten von Mary Elise Sarotte – und bin erschüttert, wie sehr dieses Buch meine eigenen Thesen aus meinem Blogartikel bestätigt. Sarotte, eine der renommiertesten Historikerinnen für transatlantische Beziehungen, legt mit akribischer Quellenarbeit offen, was viele im Westen bis heute nicht wahrhaben wollen: Unsere Politik gegenüber Russland war nicht nur naiv, sondern in Teilen auch unehrlich – und das schon lange vor Putins Machtantritt.

Drei Punkte, die mich besonders getroffen haben:

  1. Das „keinen Schritt nach Osten“-Versprechen – ein Mythos mit wahrem Kern Sarotte zeigt: Es gab keinen rechtsverbindlichen Vertrag, der der Sowjetunion eine NATO-Osterweiterung verbot. Aber es gab politische Zusagen – etwa von US-Außenminister James Baker an Gorbatschow – die in Moskau als verbindlich wahrgenommen wurden. Als die NATO dann trotzdem expandierte, war das für Russland kein „Missverständnis“, sondern ein Vertrauensbruch. Mein Artikel argumentiert ähnlich: Die Annexion der Krim 2014 war auch eine Reaktion auf das Gefühl, vom Westen hintergangen worden zu sein. Sarotte liefert dafür jetzt die historischen Belege.
  2. Die verpasste Chance einer europäischen Sicherheitsordnung Nach dem Mauerfall hätte der Westen Russland als gleichberechtigten Partner in eine neue Sicherheitsarchitektur einbinden können – etwa durch eine Reform der OSZE oder eine stärkere Rolle der UNO. Stattdessen wurde die NATO erweitert, ohne Moskau echte Mitsprache zu geben. Sarotte schreibt: „Die USA und ihre Verbündeten handelten, als gäbe es keine Alternative zur NATO – dabei gab es sie.“ Mein Artikel zeigt, wie diese Haltung bis 2022 nachwirkte: Dialog wurde durch Aufrüstung ersetzt.
  3. Geschichtsklitterung funktioniert nur, wenn beide Seiten lügen Putin nutzt die NATO-Osterweiterung heute als Rechtfertigung für seinen Krieg. Aber Sarotte macht klar: Seine Erzählung ist nicht aus der Luft gegriffen. Der Westen hat Russlands Sicherheitsinteressen jahrzehntelang ignoriert – aus Überheblichkeit, strategischer Kurzsichtigkeit oder schlichtem Desinteresse. Mein Artikel fragt: Hätten wir den Krieg verhindern können? Sarottes Antwort ist unbequem: Ja, wenn wir früher zugehört hätten.

Was das für uns heute bedeutet

Sarottes Buch ist kein Plädoyer für Putins Politik – im Gegenteil. Es ist eine Abrechnung mit westlicher Selbstgerechtigkeit. Die Botschaft ist klar: Frieden in Europa lässt sich nicht durch militärische Stärke allein sichern, sondern nur durch ehrliche Diplomatie. Mein Artikel kommt zum selben Schluss: Wir müssen endlich anerkennen, dass unsere Politik Fehler hatte – nicht, um Putin zu entschuldigen, sondern um aus ihnen zu lernen.

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