Der Umgang des Westens mit den USA unter Donald Trump (2017–2021 & 2025–2029) – Versäumnisse, Strategien und Zukunftsperspektiven

Seit seiner Wiederwahl im November 2024 regiert Donald Trump erneut als 47. Präsident der USA – mit weitreichenden Konsequenzen für die transatlantischen Beziehungen, die globale Sicherheitsarchitektur und die liberale Weltordnung. Seine erste Amtszeit (2017–2021) hatte bereits gezeigt, dass die USA unter seiner Führung kein verlässlicher Partner mehr sind, sondern ein unberechenbarer Akteur, der Bündnisse infrage stellt, multilaterale Institutionen schwächt und autoritäre Regime hofiert.

Doch wie hat der Westen auf Trumps erste Amtszeit reagiert – und welche Fehler wurden gemacht? Wie soll Europa mit der zweiten Trump-Präsidentschaft umgehen? Und welche langfristigen Folgen hat seine Politik für die internationale Ordnung?


1. Trumps erste Amtszeit (2017–2021): Was der Westen falsch gemacht hat

A. Trumps Angriff auf die NATO – und Europas zögerliche Reaktion

Was passierte?

  • Trump bezeichnete die NATO wiederholt als „obsolet“ und forderte von europäischen Mitgliedern, 2% des BIP für Verteidigung auszugeben – sonst würde die USA ihre Bündnisverpflichtungen infrage stellen.
  • 2018 drohte er auf dem NATO-Gipfel in Brüssel mit einem Austritt der USA, falls die europäischen Verbündeten ihre Militärausgaben nicht erhöhten.
  • 2020 ordnete er den Abzug von 12.000 US-Soldaten aus Deutschland an – ein Schritt, der die militärische Abschreckung gegenüber Russland schwächte.
  • Gleichzeitig lobte er autoritäre Führer wie Wladimir Putin („Er ist ein starker Führer“), Recep Tayyip Erdoğan und Kim Jong-un.

Fehler des Westens:

Keine einheitliche Antwort auf Trumps Erpressung

  • Einige Länder (Polen, Baltikum) erhöhten ihre Militärausgaben, um Trump zu besänftigen.
  • Andere (Deutschland, Frankreich) zögerten und hofften auf eine Rückkehr zur Normalität nach Trump.
  • Folge: Trump sah, dass er Spaltungen im Bündnis ausnutzen konnte – und dass Europa keine Alternative zur US-Führung hatte.

Keine strategische Autonomie Europas

  • Europa blieb militärisch abhängig von den USA, obwohl Trump klar machte, dass die USA nicht mehr automatisch als Schutzmacht agieren würden.
  • Die EU-Verteidigungsunion (PESCO) wurde zwar gestartet, aber ohne echte Finanzierung und politische Priorität.
  • Beispiel: Als Trump 2020 den Open-Skies-Vertrag kündigte (ein Abkommen zur militärischen Transparenz), hatte Europa keine eigene Aufklärungsfähigkeit und war auf US-Satellitendaten angewiesen.

Keine klare Haltung gegenüber Trumps autoritären Allianzen

  • Trump untergrub demokratische Werte (z. B. durch Angriffe auf die Presse, Justiz und Wahlen).
  • Europa reagierte oft mit Schweigen, aus Angst vor Handelskonflikten oder weil man auf wirtschaftliche Vorteile (z. B. Gas-Deals mit Russland) hoffte.
  • Folge: Putin und andere Autokraten sahen, dass sie ohne Konsequenzen internationale Regeln brechen konnten.

„Trump hat gezeigt, dass die USA kein verlässlicher Partner mehr sind. Europa hat zu lange gebraucht, um das zu akzeptieren.“Josep Borrell, EU-Außenbeauftragter (t-online, 2023)


B. Handelskriege und wirtschaftliche Erpressung

Was passierte?

  • Trump verhängte Stahl- und Aluminiumzölle gegen die EU (2018) und drohte mit Autozöllen von 25%.
  • Er blockierte die WTO, indem er die Ernennung von Richtern verhinderte, und untergrub das multilaterale Handelssystem.
  • Er zwang die EU zu Nachverhandlungen (z. B. bei TTIP, dem transatlantischen Freihandelsabkommen) und setzte einseitige Handelsbeschränkungen durch.

Fehler des Westens:

Keine gemeinsame europäische Handelspolitik

  • Die EU verhandelte einzeln mit den USA (z. B. Deutschland für die Autoindustrie, Frankreich für Agrarsubventionen).
  • Folge: Trump konnte Europa gegeneinander ausspielen.

Keine Diversifizierung der Lieferketten

  • Europa blieb abhängig von US-Technologie (z. B. Halbleiter, Cloud-Dienste) und russischem Gas (bis 2022).
  • Folge: Als Trump Sanktionen gegen Huawei verhängte, hatte Europa keine Alternative und musste sich anpassen.

Keine Gegenstrategie zu Trumps „America First“

  • Statt eigene Handelsabkommen (z. B. mit Lateinamerika, Afrika, Asien) voranzutreiben, wartete Europa auf eine Rückkehr zur Normalität.
  • Folge: China und andere Mächte füllten die Lücke, während Europa an Einfluss verlor.

C. Trumps Außenpolitik: Isolationismus und Destabilisierung

Was passierte?

  • Rückzug aus internationalen Abkommen:
    • Paris Klimaabkommen (2017)
    • Iran-Atomdeal (2018)
    • WHO (2020, mitten in der Pandemie)
    • Open-Skies-Vertrag (2020, Rüstungskontrolle)
  • Unterstützung für autoritäre Regime:
    • Lob für Putin („Er ist ein starker Führer“)
    • Freundschaft mit Erdogan (trotz Menschenrechtsverletzungen)
    • Keine Kritik an Saudi-Arabien (trotz Khashoggi-Mord)
  • Destabilisierung verbündeter Demokratien:
    • Unterstützung für den Brexit (Trump lobte Boris Johnson)
    • Einmischung in europäische Wahlen (z. B. Unterstützung für rechtspopulistische Parteien)

Fehler des Westens:

Keine klare Haltung gegenüber Trumps Normenbruch

  • Europa reagierte oft mit diplomatischer Zurückhaltung, statt Trumps Angriffe auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit öffentlich zu verurteilen.
  • Folge: Trump sah, dass er ohne Konsequenzen internationale Regeln brechen konnte.

Keine Alternative zu US-Führung in globalen Fragen

  • Statt eigene Initiativen (z. B. in Klimapolitik, Handel, Sicherheit) zu starten, wartete Europa auf die USA.
  • Folge: China und Russland nutzten das Machtvakuum (z. B. in Afrika, Nahost, Asien).

Keine Vorbereitung auf eine zweite Trump-Amtszeit

  • Viele europäische Politiker hofften auf Bidens Sieg 2020 und planten nicht für ein Comeback Trumps.
  • Folge: Als Trump 2024 wieder antrat, war Europa unvorbereitet.

2. Trumps zweite Amtszeit (2025–2029): Wie der Westen jetzt reagieren muss

Trumps Wiederwahl bedeutet keine Rückkehr zur Normalität, sondern eine Radikalisierung seiner Politik. Der Westen muss sich auf folgende Herausforderungen einstellen:

A. NATO: Trumps Drohungen werden Realität

  • Trump hat bereits erneut mit einem NATO-Austritt gedroht, falls Europa seine Militärausgaben nicht erhöht.
  • Mögliche Szenarien:
    • Teilweiser US-Rückzug aus Europa (z. B. Abzug von Truppen aus Deutschland, Polen).
    • Selektive Bündnistreue (die USA schützen nur Länder, die mehr zahlen oder Trump politisch unterstützen).
    • Eskalation mit Russland (Trump könnte Putin grünes Licht für weitere Aggressionen geben, z. B. in Moldau oder Georgien).

Was Europa jetzt tun muss:

Schnelle Umsetzung der 2%-Verteidigungsausgaben – aber nicht als Erpressung, sondern als europäische Eigenverantwortung. ✅ Stärkung der europäischen Verteidigung (z. B. FCAS-Kampfjet, Eurodrohne, gemeinsame Munitionsproduktion). ✅ Frankreichs Atomwaffen als europäisches Schutzschild (Macron hat bereits 2020 vorgeschlagen, dass Frankreich seine nukleare Abschreckung als europäisches Gut anbietet). ✅ Diplomatische Offensive für eine neue Sicherheitsarchitektur – Europa muss ohne die USA mit Russland verhandeln (z. B. über Rüstungskontrolle, Ukraine).


B. Wirtschaftskrieg: Trumps neue Handelskonflikte

  • Trump hat bereits neue Zölle auf europäische Autos und Agrarprodukte angekündigt.
  • Er will China weiter schwächen – aber Europa könnte Kollateralschaden werden.
  • Mögliche Szenarien:
    • EU-USA-Handelskrieg (Zölle, Sanktionen, Exportbeschränkungen).
    • Zwang zur Abkehr von China (Trump könnte Europa ultimativ vor die Wahl stellen: USA oder China).
    • Finanzielle Erpressung (z. B. Sanktionen gegen europäische Banken, die mit Iran oder Russland handeln).

Was Europa jetzt tun muss:

Gemeinsame EU-Handelspolitikkeine bilateralen Deals mit den USA, sondern einheitliche Verhandlungspositionen. ✅ Diversifizierung der Lieferkettenweniger Abhängigkeit von US-Technologie (z. B. Halbleiter, Cloud-Dienste). ✅ Stärkung des Euro als Reservewährungweniger Abhängigkeit vom US-Dollar (z. B. durch EU-Kapitalmarktunion). ✅ Gegenmaßnahmen gegen US-SanktionenEU-Blocking-Statute reaktivieren, um europäische Unternehmen zu schützen.


C. Demokratie in Gefahr: Trumps autoritäre Tendenzen

  • Trump hat bereits erneut die Justiz angegriffen (z. B. Rachefeldzug gegen Staatsanwälte, die ihn belasten).
  • Er hetzt gegen die Presse („Fake News“) und untergräbt das Vertrauen in Wahlen.
  • Mögliche Szenarien:
    • Einschränkung der Pressefreiheit (z. B. Lizenzentzug für kritische Medien).
    • Manipulation der Wahlen 2028 (z. B. durch Wahlkreisverschiebungen, Einschüchterung von Wählern).
    • Gewalt gegen politische Gegner (Trump hat bereits zu „Vergeltung“ aufgerufen, falls er verurteilt wird).

Was Europa jetzt tun muss:

Öffentliche Kritik an Trumps Angriffen auf die Demokratiekeine Normalisierung autoritärer Tendenzen. ✅ Unterstützung für US-Demokratiebewegungen (z. B. Never Again Action, Lincoln Project). ✅ Vorbereitung auf mögliche US-Wahlmanipulationen 2028 (z. B. EU-Wahlbeobachtungsmissionen in den USA). ✅ Notfallpläne für den Fall eines US-Bürgerkriegs (z. B. Evakuierung europäischer Bürger, diplomatische Isolation einer Trump-Regierung, die die Verfassung bricht).


3. Die Zukunft: Was bedeutet Trumps zweite Amtszeit für die Weltordnung?

A. Die USA als unberechenbarer Akteur – nicht mehr als Führungsmacht

  • Die USA werden kein verlässlicher Partner mehr sein, sondern ein egoistischer Akteur, der Bündnisse nach Belieben aufkündigt.
  • Folge: Europa muss ohne die USA globale Verantwortung übernehmen (z. B. in Klimapolitik, Handel, Sicherheit).

B. Russland und China profitieren – Europa gerät unter Druck

  • Russland wird weiter in der Ukraine und Osteuropa expandieren, weil Trump keine militärische Unterstützung leisten wird.
  • China wird seine wirtschaftliche und militärische Macht ausbauen, weil die USA keine globale Führung mehr bieten.
  • Folge: Europa muss eigene Allianzen schmieden (z. B. mit Indien, Japan, Lateinamerika), um nicht zwischen USA, Russland und China zerrieben zu werden.

C. Die liberale Weltordnung zerbricht – was kommt danach?

  • Multilaterale Institutionen (UNO, WTO, WHO) werden weiter geschwächt.
  • Autoritäre Regime (Russland, China, Türkei, Saudi-Arabien) gewinnen an Einfluss.
  • Folge: Europa muss eine neue globale Ordnung mitgestalten – oder in der Bedeutungslosigkeit versinken.

4. Fazit: Europa muss erwachsen werden – oder untergehen

Trumps zweite Amtszeit ist kein vorübergehendes Problem, sondern ein Strukturbruch in den internationalen Beziehungen. Der Westen hat in den letzten Jahren drei zentrale Fehler gemacht:

  1. Zu lange auf eine Rückkehr zur Normalität gehofft – statt sich auf eine dauerhafte Konfrontation mit den USA einzustellen.
  2. Keine strategische Autonomie entwickelt – Europa blieb militärisch, wirtschaftlich und technologisch abhängig von den USA.
  3. Keine klare Haltung gegenüber Trumps autoritären Tendenzen – statt Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu verteidigen.

Was jetzt zu tun ist:

ProblemLösung
NATO in GefahrEuropäische Verteidigung stärken (PESCO, gemeinsame Rüstung, französische Atomwaffen als Schutzschild)
Handelskriege mit den USAGemeinsame EU-Handelspolitik, Diversifizierung der Lieferketten, Stärkung des Euro
Autoritäre Tendenzen in den USAÖffentliche Kritik, Unterstützung für US-Demokratiebewegungen, Notfallpläne für 2028
Machtvakuum durch US-RückzugEuropa als globaler Akteur (Klimapolitik, Handel, Sicherheit)

Die drei wichtigsten Lehren für die Zukunft:

  1. Europa muss endlich erwachsen werden – weniger Abhängigkeit von den USA, mehr eigene Stärke.
  2. Einheit ist überlebenswichtig – Spaltungen (z. B. Ost vs. West, Nord vs. Süd) spielen Trump in die Hände.
  3. Demokratie muss verteidigt werden – nicht nur in Europa, sondern auch in den USA.

„Trump ist kein Ausrutscher, sondern ein Symptom für den Niedergang der liberalen Weltordnung. Europa muss lernen, ohne die USA zu überleben – oder es wird untergehen.“Ivan Krastev, Politologe (IPG Journal, 2025)

Quellen:

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